IPv6 only: (Noch k)eine schöne neue Welt

Im Februar 2008 hatte die NANOG während einer IPv6-Konferenz in einem Selbstversuch ausprobiert, wie das Internet aussieht, wenn man sich nur per IPv6 im Netz bewegt, ohne dass das „herkömmliche“ IPv4 zur Verfügung steht. Das Ergebnis war damals ernüchternd.

Heute, eineinhalb Jahre später, wollte ich es selbst wissen: Was erreicht man, wenn man ausschließlich per IPv6 im Netz surft, ohne IPv4 zur Verfügung zu haben? Interessant schon deshalb, weil ich meine eigenen Webseiten als auch zwei weitere Präsenzen, die bei mir auf dem Server liegen, mit IPv6-Adressen versorgt habe, mein Nameserver eine IPv6 erhalten hat und eigentlich inzwischen auch ein GLUE-Record für pothe.de bestehen sollte (wobei ich nicht weiß, wie man das überprüfen kann, die DeNIC schweigt sich dazu leider aus).

Der Testaufbau: Ein unter Ubuntu 9.04 laufender Linux-Rechner wurde zum IPv6-Router umgewandelt, ein Testsystem mit Windows Vista 32 Ultimate wurde eingerichtet, welchem die IPv4-Schicht entzogen wurde, sodass jede weitere Kommunikation ausschließlich noch per IPv6 erfolgen kann. Da die T-Home derzeit noch keinen nativen IPv6-Zugang zum Internet anbietet, wurde zwischen dem IPv6-Internet und meinem IPv6-Router (also dem Linux-PC) mit Hilfe von SixXS (sprich: Six Access) ein Tunnel durch das IPv4-Internet gebohrt. Lokal werden IPv6-Adressen über radvd verteilt.

Im folgenden versuchte ich schließlich, mit dem nur über IPv6 mit der Außenwelt verbundenen Windows-Vista-PC im Internet zu surfen. Doch es zeigte sich bereits das erste Problem: Auf meinem Router hatte ich keinen eigenen Nameserver installiert und die Nameserver der T-Home sprechen kein IPv4. Dieses führte dazu, dass IPv6-Präsenzen zwar über die IP-Adresse angesurft werden konnten (z. B. http://[2a01:198:477::cafe:1000]), nicht aber durch Eingabe des Domainnamens (in diesem Fall also http://www.pothe.de).

Also gab es zwei Möglichkeiten: Entweder selbst (lokal) einen Nameserver aufsetzen, oder einfach einen nutzen, der schon da ist. Ich wählte die für mich einfachere, letztere Version und habe die von SixXS bereitgestellten Nameserver für meinen Selbstversuch genutzt. Ein kleiner Nachteil dieser Lösung ist übrigens, dass diese von SixXS bereitgestellten Nameserver zwar ausschließlich über IPv6 erreichbar sind, selbst aber (auch) über IPv4 ihre Abfragen starten; somit habe ich, wie damals die NANOG, meine kleine IPv6-Welt zumindest geringfügig aufgeweicht. Für einen ersten Versuch aber akzeptabel, den eigenen Nameserver, der dann auch nach außen nur IPv6 spricht, kann ich immer noch aufsetzen.

Nun also zum Test: Um es in einem Wort zusammenzufassen: Ernüchternd. Ja, Google ist über IPv6 erreichbar (über ipv6.google.com, bei Verwendung der SixXS-Nameserver aber auch über www.google.de), leider sind es aber die gefundenen Ergebnisse nur zu einem kleinen Teil. Selbst Heise ist unerreichbar, es sei denn, man tippt die Adresse www.six.heise.de direkt in den Webbrowser ein – von Google wird man dort nicht hin verwiesen, man muss wissen, dass diese Adresse existiert.

Ganz abstrus wird es übrigens, wenn man Seiten erreichen will, die sich mit IPv6 beschäftigen, oder sogar den Namen „IPv6“ beinhalten, aber nur über das alte IPv4 erreichbar sind. Zu dieser Kategorie gehört zum Beispiel wieistmeineipv6.de – da hat wohl jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht. Auch die ersten vier Suchergebnisse auf Google beim Suchbegriff „IPv6“ sind nicht erreichbar – erst ein IPv6-Howto von Peter Bieringer kann schließlich erreicht werden – und wird von Google erst an 5. Stelle gelistet. Und schließlich die Lippenbekenntnisse der Bundesrepublik Deutschland und diverser Medien im Bereich der PC- und Netztechnik: IPv6 am besten sofort, solange es nicht die eigene Webpräsenz betrifft. Zumindest ist keine einzige der versuchten Webpräsenzen über IPv6 erreichbar – sehr schade!

Fazit bis hierher: Ja, es tut sich in letzter Zeit einiges in Sachen IPv6. Aber noch immer nicht genug, wenn man bedenkt, dass nach derzeitigen Prognosen in weniger als zwei Jahren keine IPv4-Adressen mehr verfügbar sein werden. Vom nativen IPv6-Zugang kann man in Deutschland weitgehend nur träumen (auch wenn es – ungesicherte – Anzeichen dafür gibt, dass mit 1&1 bald auch ein größerer Provider IPv6 am DSL-Zugang anbieten wird und auch größere Serverbetreiber wie Strato und Hetzner an nativem IPv6 für die Geräte arbeiten), vom reinen IPv6-Betrieb sind wir noch weit entfernt. Schade.

One thought on “IPv6 only: (Noch k)eine schöne neue Welt”

  1. So kann man GLUE-Records bei der DENIC prüfen:

    $ dig -t NS pothe.de @f.nic.de
    […]
    ;; ADDITIONAL SECTION:
    ns.pothe.de. 86400 IN A 88.198.178.170
    ns.pothe.de. 86400 IN AAAA 2a01:198:477::cafe:aa01
    ns2.pothe.de. 86400 IN A 213.239.206.103
    ns3.pothe.de. 86400 IN A 217.20.112.194
    ns4.pothe.de. 86400 IN A 217.70.142.66
    […]
    $

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