Wenn einer eine Reise tut…

Heute möchte ich von einer Dienstreise mit der Deutschen Bahn AG berichten, da ich diese doch sehr bemerkenswert fand. Eines Vorab: Ich war bislang nicht sonderlich Fernverkehrserfahren, IIRC zwei mal in den Urlaub, einmal nach Stuttgart, alles andere bahnmäßige beschränkte sich auf den Nahverkehr (wenngleich ich auch einige Jahre fast täglich mit der „S“-Bahn nach Hannover gefahren bin). Insofern habe ich (und meine ebensowenig fernverkehrserfahrenen Kollegen) wohl ein paar Fehler gemacht, die Profis nicht passiert wären. Aber man ist ja lernwillig 😉

Tag der Reise: Do., 11.01.07.

Geplante Fahrt:
HIN:

S5 Hameln ab 6:44
  Paderborn Hbf an 7:45
RB 39862 Paderborn Hbf ab 7:51
  Hamm(Westf) an 8:45
ICE 956 Hamm(Westf) ab 8:54
  Köln Hbf an 10:09
IC 2015 Köln Hbf ab 10:18
  Bonn Hbf an 10:35

RÜCK:

ICE 651 Bonn Hbf ab 14:25
  Hannover Hbf an 17:28
S5 Hannover Hbf ab 17:55
  Hameln an 18:40

Und so sah die Wirklichkeit aus:

Morgens am Fernverkehrsautomaten das Ticket gezogen, welches Tags zuvor inklusive der diversen Platzreservierungen durch die Reiseagentur gebucht wurde. Nachdem man sich bis an einen der beiden Automaten durchgekämpft hat (Gott sei dank waren wir früh genug da, man glaubt gar nicht, wie viele Leute selbst morgens vor halb sieben keine Dauerfahrkarten haben und deswegen an den Automaten müssen), war der Rest recht einfach: Nachdem man links im Touchscreen auf den großen roten Knopf „Fahrkarte“ drückte und dann bemerkte, dass das wohl falsch war, und man rechts auf den kleinen grauen Knopf „Fahrplanauskunft“ drücken muss, um sein TIX-Ticket zu erhalten (ja, ganz klein steht da auch „vorbestellte Fahrkarten“), musste man nur noch im folgenden Menü auf „vorbestellte Fahrkarte“ drücken und die neunstellige Auftragsnummer eiongeben. Das ist nicht schwer, sofern man registriert, dass die erkannte Berührungsfläche etwa zwei Zentimeter links unterhalb der tatsächlichen Berührungsstelle liegt und man nicht zu schnell sein darf, da der Automat einen „Tastendruck“ erst wieder erkennt, wenn er den vorherigen verarbeitet hat.

Am Schluss kamen vier Tickets raus: Eine Fahrkarte Hin+Zurück plus drei Platzreservierungen. Auf der Fahrkarte wunderte ich mich, warum da statt „Bonn Hbf.“ „Bonn+City“ draufgedruckt war[0].

Endlich ging die Fahrt los. Pünktlich um 6:44 setzte sich der vordere Zugteil der S-Bahn in Bewegung, während der hintere in Hameln planmäßig verblieb. Irgendwie hatte ich die Sitze in der BR 425 weicher in Erinnerung (liegt wahrscheinlich daran, dass ich damals meist in der BR424 gefahren bin, deren Sitze noch schlimmer sind), obwohl ich früher die zweite Klasse nutzte und nun im 1. Kl-Abteil saß. Außer etwas mehr Beinfreiheit (aber auch nur im oberen Podest) und den Armlehnen konnte ich keinen Unterschied zur 2. Klasse entdecken, wenn man vom invertierten Farbmuster des Sitzbezuges absieht.

Soweit verlief die Fahrt reibungslos, aber kurz nach Altenbeken wurde ich aus dem Schlaf geholt: Der Zug fuhr extrem langsam (ich schätze ca. 40 – 60 km/h) und wurde so stark hin- und hergeschaukelt, dass man sich an die letzte Strecke in Russland erinnert fühlt. Nicht sonderlich angenehm.

Anzahl der Fahrscheinkontrollen in diesem Zug: 0.

Um 7:51 Uhr waren wir dann in Paderborn eingefahren. Moment – 7:51 Uhr? Das war es, die Rücklichter unseres Anschlusszuges nach Hamm haben wir noch gesehen. Von drei Frauen, die häufiger aus der S5 kommend Richtung Hamm weiterfahren müssen, erfuhren wir, dass das wohl die Regel sein soll und sie deswegen immer eine Stunde früher führen, als sie es laut Fahrplan eigentlich müssten. Wenn das korrekt ist, frage ich mich, warum dann der Fahrplan nicht einfach den realen Begebenheiten angepasst wird – ein Sechs-Minuten-Umstieg sollte sich nicht einfach (ständig?) als ein 0-Minuten-Nichtumstieg entpuppen 😐

Also ins Reisezentrum im Bahnhof, dort hat man uns eine Ersatzverbindung gegeben inklusive (neuer) Platzreservierung im ICE. Der neue Plan sah jetzt so aus:

RB 39812 Paderborn Hbf ab 8:21
  Hamm(Westf) an 9:15
ICE 654 Hamm(Westf) ab 9:54
  Bonn Hbf an 11:32

In Hamm also über 30 Minuten Aufenthalt (da sollte uns ein Anschlussverlust also nicht wieder passieren), leider aber auch erst eine Stunde später in Bonn. Da der Termin aber schon um 11:00 lag, also den Veranstalter telefonisch informiert, dass wir später kommen. Die Weiterfahrt nach Hamm war unspektakulär, wenn man davon absieht, dass auch dieser Zug wieder mit der BR 425 gefahren wurde, dafür aber scheinbar abschnittsweise mit 160 km/h – zumindest kam es mir so vor, wissen tu ich das nicht (mittlerweile wurde mir bestätigt, dass dort tatsächlich mit diesen Zügen 160 gefahren wird).

Anzahl der Fahrkartenkontrollen in diesem Zug: 0. Ein Paradies für Schwarzfahrer.

Die Pause in Hamm nutzten wir für ein zweites Frühstück. Beim Bäcker in der Empfangshalle gab es einen großen Pott Kaffee mit einem Hefestück für 2 Euro. Dafür kann man nicht meckern, und geschmeckt hat es auch noch. Interessant war, dass in der Bahnhofshalle, wo wir an den Tischen Platz genommen haben, gerade die Weihnachtsdekoration entfernt wurde. Die Strippen der Beleuchtung hingen an den Enden schon bis auf den Boden runter, und immer, wenn einzelne Schnüre gezogen wurden, peitschten diese zwischen zwei Aufhängungspunkten immer auf den Boden. Ob die wohl auch so weitermachten, als sie in den Bereich der Sitzplätze kamen? Mitbekommen haben wir davon dann nichts mehr, da wir hoch zu unserem ICE mussten.

Dieser stand merkwürdigerweise schon am Bahnsteig. Oder ist er es doch nicht? Laut Anzeiger am Bahnsteig fährt dieser Zug vom Typ ICE 1 nach Lübeck. Ich wusste gar nicht, dass Lübeck von ICE angesteuert wird! Mit einem mal änderte sich die Anzeige: ICE 654 nach Bonn. Hervorragend! Um kein Risiko einzugehen, fragten wir das reichlich am Bahnsteig vorhandene Personal, ob das auch wirklich der Zug nach Bonn sei – dieses wurde bejaht.

Ohne es zu wissen vermute ich, dass es sich schon um einen redesignten ICE-1 handelt: Helle Inneneinrichtung, dunkelgrauer Lederbezug der Sitze, urgemütlich, leider passte der Sitzteiler nicht so wirklich zum Fensterteiler, was ich – gerade in der ersten Klasse – sehr bedauerlich finde. An Plätzen gab es aber genug Auswahl, sodass die Reservierung
unnötig war und man sich einfach irgendwo hingesetzt hat, wo es einem gefiel.

Wir erfuhren, dass es sich gar nicht um den ICE 654 handelt, sondern um den wegen Streckensperrung umgeleiteten ICE 29 Hamburg – Köln – Bonn – Frankfurt – Wien Westbf. Erst nach 10 Uhr zeigte das Signal freie Fahrt an und die Reise ging weiter. In Dortmund kam von Rechts ein EC eingefahren, der parallel mit uns in den Bahnhof fuhr (und wie ich später wohl zu Recht vermutete, uns im Blockabstand folgte). Dieser bestand aus einem weißen Bim (ex InterRegio-Wagen) und einer Menge an Schweizer EC-Wagen mit grauem Fensterband, doch dazu später mehr. Kurz nach Düsseldorf schließlich die Ansage im Zug: „Wegen unserer Verspätung von über 100 Minuten endet dieser Zug außerplanmäßig in Köln. Reisende nach Frankfurt nutzen bitte aufpreisfrei die ICE über die Schnellfahrstrecke, Reisende Richtung Bonn, Koblenz und Mainz den ebenfalls verspäteten EC 101 nach Chur vom Gleis 7, am selben Bahnsteig gegenüber.“ Also doch in Köln umsteigen…

Anzahl Fahrkartenkontrollen in diesem Zug: 0. Zwar lief jede Menge Personal an uns mehrfach vorbei, eine Fahrkarte wollte aber keiner sehen.

Also Umstieg in den schon in Dortmund gesehenen EC 101. Da wir ziemlich weit vorn auf dem Bahnsteig standen, im EC die 1. Klasse aber ganz hinten war, verzichteten wir in Anbetracht der Tatsache, dass die Fahrt nach Bonn keine zwanzig Minuten mehr dauert, darauf, den ganzen Zug entlangzulaufen und setzen uns kurzerhand in einen der schweizer 2. Klasse-Großraumwagen. In meinen Augen ein großer Fehler, ich weiß jetzt, dass ich in schweizer Fahrzeugen keine zweite Klasse mehr benutzen will. Eng, hässliches Innenraumdesign, Sitze wie im deutschen Nahverkehr (wenn auch nicht ganz so hart) und miefige Luft.

Anzahl Fahrkartenkontrollen in diesem Zug: 0.

Ergebnis: Wir waren 12:25 in Bonn HBf, um 12:40 auf unserer Besprechung, rechtzeitig zum Ende der Veranstaltung. Und unsere Fahrkarten waren noch immer ohne irgendwelche Stempel – die Hinfahrt hätten wir glatt ohne Fahrschein durchführen können 😉

Da nach einem gemeinsamen Mittagessen in der Kantine noch eine persönliche Einweisung in die Themen der Veranstaltung folgte, konnte ich natürlich nicht um 14:25 zurückfahren (die Kollegen blieben sowieso bis zum nächsten Tag). Ich war schließlich um 15:15 zurück am Hauptbahnhof, leider waren auf dem Abfahrtsplan keine Züge Richtung Hannover in der nächsten Zeit zu finden. Also rein ins Reisezentrum: Lange Schlangen vor den normalen Schaltern, der bahn.comfort-Schalter (laut Ausschilderung auch für „normale“ 1.-Klasse-Kunden gedacht) war unbesetzt. Also lieber wieder raus, da um 15:22 der IC 2014 (Stuttgart – Emden) nach Köln fährt. Ich dachte mir, dass es in Köln leichter sein dürfte, einen Zug Richtung Hannover zu bekommen, irgendwie könne ich mich schon durchschlagen.

Im IC 2014 nahm im im Abteilwagen 1. Klasse (Avmz) Platz – ich hatte ein Nichtraucherabteil ganz für mich alleine. Sonderlich begeistert war ich aber dennoch nicht: Den Sitz empfand ich als viel zu weich, das Ambiente wirkte sehr verschlissen, als wäre da nie was dran gemacht worden, seit der Wagen von der Bundesbahn gekauft und in Dienst gestellt wurde. Immerhin fand ich im Reiseplan gleich den perfekten Anschluss nach Hannover: ICE 953 Köln-Berlin sollte es sein.

Idealerweise befand sich die 1. Klasse im IC ganz vorn, im ICE ganz hinten. Das hört sich vielleicht schlimm an, war es aber nicht: Da der ICE 953 ein ICE-2-Halbzug ist, befanden sich die 1. Klassen beider Züge auf einer Höhe (dazu muss man wissen, dass der Kölner Hauptbahnhof derart stark belastet ist, dass nach Möglichkeit mehrere Züge in einem Gleis stehen. In diesem Fall stand „vorne“ der ICE und „hinten“ ein Nahverkehrszug, sodass das „hintere“ Ende des ICE etwa auf Höhe der Zugspitze meines IC stand). Nur die Umsteiger in der zweiten Klasse mussten unter Umständen an beiden Zügen in voller Länge vorbeilaufen, so die Platzreservierung es so wollte 😉

Bevor ich es vergesse: Anzahl der Fahrkartenkontrollen im IC: 1.

Der ICE 953 überraschte mich: Selbst die 1. Klasse war außerordentlich gut belegt. Ich tippe auf vier Sitze, die im Wagen unbesetzt waren. Insofern hatte ich fast schon Glück, einen Platz bekommen zu haben, war doch meine Reservierung für den Zug eine Stunde zuvor vorgesehen und damit hier wirkungslos. Die mit rosa Stoff bespannten Sitze fand ich nicht ganz so komfortabel wie die Ledersitze im ICE 1 auf der Hinfahrt, auch gab es etwas weniger Beinfreiheit, insgesamt aber auch hier ein sehr angenehmes Reisen. Leider stimmt aber auch im ICE 2 der Fensterteiler nicht mit dem Sitzteiler überein, und so musste ich mich mit wenigen Zentimetern Fenster begnügen 🙁

In diesem Zug gab es aber einen echten Lichtblick: Vor mir saß jemand, der nur ein Ticket für die zweite Klasse hatte. Der Kontrolleur war aber sehr freundlich geblieben und fragte den Fahrgast, ob er sitzen bleiben und einen Übergang in die erste Klasse nachlösen möchte, oder ob er in die zweite Klasse wechseln möchte. 37,50 EUR hätte der Übergang gekostet (auch er wollte nach Hannover), und so zog der Fahrgast es vor, den Wagen zu wechseln. Wenn alle Mitarbeiter der Bahn so freundlich wären, wie dieser, hätte die Bahn ein Imageproblem weniger (ich meine das ehrlich, wer meint, Ironie zu finden, irrt).

Anzahl Fahrkartenkontrollen in diesem Zug: 2, da in Hamm Personalwechsel war.

Der Rest der Fahrt verlief unspektakulär, wenn man davon absieht, dass Bielefeld mit +5 verlassen wurde, Hannover aber mit +-0, also pünktlichst, erreicht wurde. Auf dieser Strecke scheint also gut Luft im Plan zu stecken, Luft, die ich noch am morgen bei der S-Bahn vermisste. Vor- und Nachlaufzeiten eingerechnet war ich also über 14 Stunden unterwegs und auch etwas geschafft, und trotz einiger Pleiten auf der Hinfahrt würde ich die Bahn immer noch dem Auto vorziehen. Wenn jetzt noch Anschlüsse besser abgestimmt würden (und der ICE optimalerweise auch in Löhne(Westf) hielte) hätte das Auto wohl gar keine Chance, da der Komfort im ICE einfach nur gut ist (und man sogar bei Bedarf noch arbeiten kann, was nicht geht, wenn man Auto fährt).

[0] Später erfuhr ich, dass das bei FV-Karten über 100 km draufsteht, wenn man mit BahnCard unterwegs ist, dieses ermöglicht die kostenfreie Nutzung des ÖPNV am Zielort. Dabei habe ich doch gar keine BahnCard [1]

[1] Gestern Abend war ich auch hier auf des Rätsels Lösung gekommen: Firmengroßkundentickets 1. Klasse erhalten auch diesen Eintrag.